Ronald Hirte
Der (Nach-) Geschmack des Raumes
Nina Fischer & Maroan el Sani als Filmemacher
Schnitt, Filmmagazin, #42, 2/2006
1956 drehte Alain Resnais „Nuit et brouillard“, den wohl bekanntesten Dokumentarfilm über die Shoah. Im gleichen Jahr folgte die 20minütige Dokumentation „Toute la mémoire du monde“ über die Bibliothèque nationale in Paris. Während die Kamera dort durch die endlosen Gänge gleitet, beschreibt der Kommentar die lückenlose Erfassung der Bücher, ihre Inventarisierung, Katalogisierung und Einordnung ins Archiv sowie schließlich ihren Weg in den Lesesaal. Diese rationale, wissenschaftliche Mechanik läßt nicht zufällig an den systematisch geplanten und industriell durchgeführten Massenmord denken, wie er in „Nuit et brouillard“ thematisiert wird. 2005 drehen Nina Fischer und Maroan el Sani „Toute la mémoire du monde – Alles Wissen dieser Welt“. Mittels langsamer Kamerafahrten gefilmt und in Doppelprojektion auf DVD transferiert ziehen Tausende Regale vorbei – ohne Bücher. Im Lesesaal langweilt sich eine Handvoll junger Leute, mal eher unmutig, ängstlich dreinschauend, mal eher verächtlich oder zynisch. Der Langeweile dramatisch entgegen läuft der Soundtrack des Komponisten und Hardcore-Techno-Produzenten Patric Catani. Überall leuchten blaugrün die Messing-Murano-Lampen, die man irgendwann auf einem der Pariser Trödelmärkte zu entdecken hofft.
Intellektueller Leerstand
Denn der alte Bau der Bibliothèque nationale de France in der Pariser Rue Richelieu steht größtenteils leer, elf Etagen Magazin und der traumhaft schöne Lesesaal liegen brach. Die gigantischen Bestände sind in den Neubau des Architekten Dominique Perrault umgezogen. Konnte Resnais in seiner „Hymne auf das Gedächtnis der Nation“ zeigen, wie der Betrieb funktionierte, stehen bei Fischer & el Sani die „Kathedralen des Wissens leer“. Der Leerstand bezeichnet ein Epochenende. Kommentierte Resnais 1956 noch visionär, daß sich hier eine Zeit andeutet, „in der alle Rätsel gelöst werden, eine Zeit, in der dieses Universum und einige andere uns ihre Schlüssel liefern“, scheint dieser Schlüssel fünfzig Jahre später verloren. Als Inbegriff von Bildung und Aufklärung und stabiler Instanz eines sozialen und kulturellen Fortschritts verliert die Bibliothek einen ihrer traditionsreichsten Orte, zu einer Zeit, in der sich die Leitung der Bibliothek für ein europäisches Buchdigitalisierungsprogramm samt eigenem Projekt namens „Gallica“ stark macht.
Ein Prinzip in den Arbeiten Nina Fischers & Maroan el Sanis mag darin bestehen, bei ihrer Suche nach Orten, die es neu zu besetzen gilt, auf mehr oder weniger bekannte Filme zurück zu greifen. Das geschieht aber nicht in einer unbedingten Suche nach triftigen filmhistorischen Zitaten, sondern im charmanten Einbezug dessen, was leicht zu finden ist. Bestätigung scheint diese Haltung zu erfahren, wenn dem Künstlerpaar so etwas passiert: 1960 drehte Michelangelo Antonioni „L’Avventura“, unter anderem auf der Äolischen Insel Lisca Bianca. Eine Heldin des Films, die junge Frau namens Anna, dargestellt von Léa Massari, verschwindet rätselhaft und taucht nicht wieder auf. Im Jahre 2000 fahren Fischer & el Sani nach Lisca Bianca, um auf dieser unbewohnten Insel per Plakat-Aktion nach Anna zu suchen. Als die beiden auf der Hauptinsel Lipari ankommen, treffen sie zufällig Antonioni, in der Eisdiele „Avantgarde“. Sie erzählen von ihrer Idee und ihrem Projekt „L’Avventura senza fine“. Der Meister muß laut lachen und lädt sie zum Eis ein. Auf die Frage, was denn nun mit Anna passiert sei, antwortet er, daß er es auch nicht wisse.
Palast der Republik
Im Palast der Republik, zu dessen Eröffnung 1976, drehte das Fernsehen der DDR dokumentarische Kurzfilme. 2001 drehen Nina Fischer & Maroan el Sani „Weißbereich“ als Teil ihrer installativen Arbeiten zum Palast. Die Kamera schwebt langsam um den entkernten, asbestfreien und deshalb auf der Baustelle „Weißbereich“ genannten Volkskammersaal herum und nimmt einmal den Blick aus den trüben Fenstern, einmal auf den leeren Innenraum in einer kontinuierlichen Fahrt auf. Das Filmmaterial ähnelt den Videos zur Bauüberwachung auf Baustellen, die zwei Ansichten werden als Loops parallel projiziert. Mit dem Palast beschäftigt sich das Berliner Künstlerpaar bisher am ausführlichsten. 2001 beginnen die Recherchen zum Palast, der im Namen der Zukunft als Vergangenes beseitigt werden soll – Rohbau, Zwischennutzung, Rückbau, das Ende im Anfang. Eine Art Bestandsaufnahme liefert neben den Filmloops imaginäre Rekonstruktionen mit Umrißzeichnungen, Panorama-Fotografien, eine Raum-Aroma-Maschine zur Nachbildung des Geruchs im Foyer, ein Modell des Palasts als „Klub der Republik“ mit Carsten Nicolais Sound „Rhythmus 76“ oder einen Tanzboden, der aus Erinnerungen von Besuchern des ehemaligen Jugendclubs nachgebaut wurde. Gerade die Projektionen funktionieren als „Afterimages“, als Nachbilder vom Verschwinden des Palasts. In Nachbildern, naturwissenschaftlich definiert als „optische Erscheinung infolge nachklingender Erregung der Netzhaut-Sinneszellen“, verrutschen die Grundelemente der Zeit, Vergangenheit und Gegenwart überlagern sich.
Nina Fischer & Maroan el Sani scheuen – logisch und konsequent – konventionellere und kommerziellere Arbeiten nicht. 2002 drehen sie den Spot „Location Berlin-Brandenburg“. Darin bewirbt der Kameramann Michael Ballhaus „seine Stadt“ und deren Umgebung als Drehort für internationale Produktionen. Orte wie der Alexanderplatz, das Sony Center, Babelsberg, Heiligensee, Sanssouci oder auch die Cargolifter-Halle Brandt und das Zementwerk Rüdersdorf locken. Angewandte Arbeiten treten also zu den künstlerischen Filmen und Installationen des Künstlerpaares, das befreundete Galeristen als „Filmemacher-Paar“ bezeichnen. Das kommt biographisch nicht von ungefähr, studierte Nina Fischer doch visuelle Kommunikation an der Hochschule der Künste samt Meisterjahr bei Valie Export und Regie an der Deutschen Film- und Fernsehakademie, Maroan el Sani Film- und Kommunikationswissenschaften an der Freien Universität. In Bezug auf ihre künstlerischen Arbeiten sprechen die beiden seit 1993 vom zweiheitlichen „wir“ und „unser“. Doch um paarspezifische Arbeitsorganisation oder Produktionsbedingungen, um Aspekte wie gegenseitiges Grundvertrauen, Gleichgewicht, Harmonie oder wechselseitige Ansprüche, Konkurrenzen und Streite soll es, kann es hier nicht gehen.
Suspense der Räume
In der Schnittmenge zwischen Fotografie, Video, Film und bildender Kunst geht es Nina Fischer & Maroan el Sani immer wieder um entrückte, versperrte, zwar meist bekannte und dennoch kaum zugängliche Räume. Ihre künstlerische Forschungsarbeit mit Formen der Bestandsaufnahme und Spurensuche zielt auf den „Suspense verschlossener, temporär leerstehender Räume“ (Fischer & El Sani) und auf städtische „Vakuumsituationen“. Diese unbedingte Ortsbezogenheit in der Auswahl der Untersuchungsobjekte und Kulissen, oft im Berliner Kontext und in ästhetischen Ost-West-Drifts, überzeugt, gerade weil die Bedeutungen von Erinnerungen und Phänomenen wie der Aura ernst genommen und gleichzeitig ironisch geöffnet sowie entdramatisiert werden. So versuchen Fischer & el Sani im Projekt „Aura Research“, Unsichtbares darzustellen. Erzählungen zu Räumen überlagern sich mit Fotografien dieser Räume und Aufnahmen durch die Ende der 1930er Jahre entwickelte Kirlian-Fotografie. Ergebnis ist zum Beispiel ein hellblauer Fleck auf schwarzem Grund, hinter Glas, gerahmt, die Aura Friedrich Nietzsches, eingefangen bei den „Researches“ in Nietzsches Taufkirche in Röcken. Das Paar sucht die Orte – Brechts oder Honeckers Arbeitszimmer, Einsteins Sommerhaus – auf, die verlassen, leer, zugleich aber relativ intakt sind, um dort unsichtbare Spuren früheren Lebens zu entdecken. „Die Künstler lassen die Aura erst entstehen, indem sie die Orte besuchen, statt ihre Abbildungen einzufordern.“ (Boris Groys) Filmischer und die Rolle von Zeit-Elementen als Kernthema des Paares bezeichnend sind die Filmloops mit Zehn-Sekunden-Porträts von Jugendlichen in Tokio und Berlin, die in Gedanken an die Zukunft jeweils einen Moment in das Kamera-Objektiv hinein blicken („Tokio(sur)face“, 1998, „Berlin sunrise“, 2001). An Experimente aus der Frühzeit des Kinos gar erinnert die Arbeit „Millenniumania“ (1998), wo die Weltzeit-Zonen nicht mehr nach der Greenwich Mean Time, sondern nach dem subjektiven Zeitempfinden, konkret den Fußgängergeschwindigkeiten unterteilt werden. Und immer wieder Momente von Science Fiction, von „Zeitfenstern in die Zukunft“:
1972 drehte Andrej Tarkowskij „Solaris“, jenen meditativen Science Fiction-Film mit eindringlichen Bildfolgen und ohne effektvolle Tricks. Im Film begegnet der Psychologe Kris Kelvin, der zum Planeten Solaris geschickt wurde, um die dortige Orbitalstation zu überprüfen, Hari, seiner Frau, die sich vor Jahren das Leben genommen hatte. 2004 drehen Nina Fischer & Maroan el Sani „-273,15°C = 0 Kelvin“, und zwar in den bis 1956 durch den Bauhaus-Architekten Franz Ehrlich und den Rundfunkingenieur Gerhard Probst umgebauten Studios und Sendesälen des Rundfunkzentrums der DDR. Zwei fast identische, parallel projizierte Kameragänge durch das mittlerweile leere, weitgehend ungenutzte und denkmalgeschützte Gebäude zeigen dessen Ausstattung. Der eine spielt mit Tarkowskijs Mitteln, Szenen und Objekte aus „Solaris“ vermitteln Kelvins subjektiven, die Räume absuchenden Blick. Kleine Veränderungen schärfen die Wahrnehmung, kehren erzählerische Sequenzen heraus. Robert Lippoks Sound in einer Mischung aus „Solaris“-Soundtrack, Lippok-Elektronika und Fragmenten einer Mahler-Sinfonie potenziert die suggestive Atmosphäre. „Parallel ereignet sich das Gesehene und das Eingebildete, das Vergangene im Gegenwärtigen. Wenn die Zukunft schon nicht so geworden ist, wie sie einmal werden sollte, bedeutet das dann im Umkehrschluß, daß in der Zukunft die Vergangenheit beliebig korrigiert werden kann?“ (Fischer & el Sani) Und so, wie der geheimnisvolle Ozean auf Solaris offenbar ein riesiges übersinnliches Potential darstellt, das Ängste, Schuldgefühle oder Träume materialisieren kann, so scheinen auch die Räume trauriger Leere eine Kraft zu haben, versagende Missionen oder gescheiterte Utopien vorführen zu können - wiederum eine Art Nachbilder.
Ronald Hirte ist Archäologe und Historiker und Mitarbeiter in der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Weimar. |
Nina Fischer (Emden, 1965) and Maroan el Sani (Duisburg, 1966), have been working as a pair since 1993. In their work they most often make use of photography, film, video and installation. One of their central themes is transition, going-over from one state to another. It is the very moment of transition that is the elusive spot that they attempt to record in their lens of camera or video camera. In a series of works at the end of the nineties and the beginning of the new century these artists investigate the problem of abandoned premises and the possibility of changing their use. Working in Berlin, in a city in which the traces of the half-century-long division into East and West are still visible, they have such places as part of their everyday reality, but they are also spots of collective amnesia (Palast der Republik Part 1-3, 2001.-2004.; =-273,15°C=,0 Kelvin, 2004). It need arouse no wonder that Fischer and El Sani, who are anyway very sensitive to slight shifts in the social issue, easily found suitable material for the development of a project started off in Berlin and continued in Liverpool under the common title Phantom Clubs (1998-1999). Occupied with the urban youth culture, in this project they explored the subculture places in Berlin and then in Liverpool, photographing them by day, when these places reveal nothing of their real purposes, go into clubs and into places that might very well be turned into club hang-outs. In Zagreb the initial idea about phantom clubs turned into a wide-ranging enquiry into abandoned and hidden places, meant for a narrow and dedicated set of visitors, which the artists put into four categories. What fascinated them in Zagreb was the speed with which the places varied, witnessing to the rapid social changes that happened in this part of Europe during the last twenty or so years. Hence they called the project Zagreb Turbo Nightclubs, alluding to the speed of the motor, but also to the turbofolk phenomenon that they met here for the first time.
In a series of 21 photos, though the restricted optics of clubbing, the artists track the turbulent social changes that remain concealed to the superficial eye. Like archaeologists of the transition, they detect and peel off layers of epochs that have an ever-shorter life. The cult clubs of the eighties, in the time of communism, had another appearance and a pro-western public; the nineties, with the war and the transition brought on the one hand the exclusive clubs for the young, and on the other the minority turbofolk clubs. The new millennium has brought pluralist tendencies, where alongside each other there are the abandoned squats now meant for exclusive visitors, institutes of clubs, study places in a sense, often grant-aided by foreign foundations, the city or the state, populist places on the edge of town with the most diverse of publics.
The artists give back a work that was created in the public space to the public space – in the form of posters that will illegally occupy the places of the previous clubs and places of some future gatherings.
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